Die "Dunkle Nacht" der Ganzwerdung C. G. Jung und der Mystiker Johannes vom Kreuz

Author(s)/Editor(s): 
Günter Benker, O.Carm.
Sources: 
www.ocarm.org


Der folgende Beitrag stammt aus der Feder eines heutigen Schülers des Johannes vom Kreuz.  Der Verfasser ist als Karmelit und Pastoralpsychologe innerhalb seiner Ordensgemeinschaft  in der Leitung und Ausbildung tätig und darüber hinaus in der seelsorglichen und geistlichen  Begleitung von Menschen. In den letzten Jahren hat er sich sich intensiv mit psycho-  spirituellen Grenzfragen befasst. Obwohl über C.G.Jungs Auseinandersetzung mit Johannes  vom Kreuz wohlinformiert, ist Benker kein Analytischer Psychologe, sondern Theologe und  Spezialist für karmelitische Mystik. Wenn er in seinem Beitrag den mystischen Erkenntnispro-  zess und den Weg der Individuation parallelisiert, so kann er sich dabei auf Jung berufen, der  immer wieder nach westlichen Äquivalenten des indischen Yoga suchte und auf die Traditio-  nen der abendländischen Mystik (Eckhart, Johannes vom Kreuz, Ignatius von Loyola u.a.)  zurückgreift, um den Individuationsprozess paradigmatisch darzustellen [vgl. Jung, 1939/40].  Benkers Parallelisierung des Begriffs der "Ganzheit" bei Jung und Johannes könnte  auf den ersten Blick naiv erscheinen, da der Allmachtsschatten der Ganzheit [Lesmeister  1992] nicht eigens reflektiert wird. Der Leser des folgenden Beitrags wird berücksichtigen  müssen, dass auf der Ebene der von Benker referierten Johannes-Texte Begriffe wie "Schat-  ten", "Dunkelheit", "Verwundung" Chiffren für die Unbegreiflichkeit Gottes sind. Es kann  zwar durchaus um dieselben Phänomene gehen wie im Denken Jungs, wenn zum Beispiel die  Gotteserfahrung Hiobs thematisiert wird. Die mystische Erfahrung erliegt auch niemals der  Gefahr (wie oft genug der theologische Diskurs), die Abgründe des Gottesbildes durch Ratio-  nalisierung zu überspielen. Dieser ersten, textimmanenten, Ebene steht jedoch die analytische  Reflexion des Gottesbildes gegenüber. Sie kann nicht bei gewissermassen "pädagogischen"  Verdunklungen stehen bleiben, mit denen der an sich schattenlos gedachte Gott die suchende  Seele des mystischen Menschen führt. Von Jungs spirituell-blasphemischen Gedankengängen  in "Antwort auf Hiob" [1952a] inspiriert, wird die jungianische Reflexion sich nicht scheuen,  auch solche Züge des Gottesbildes in den Blick zu bekommen, die nicht in die Konzepte von  Allmacht, Allgüte, Allwissenheit Gottes (in theologischer Hinsicht) und des Menschen (in psychoanalytischer Hinsicht) passen.  Die genuine Erfahrung der Mystik, wie sie im folgenden am Beispiel eines christlichen  Mystikers der beginnenden Neuzeit vorgeführt wird, demaskiert die Inflation durch den Gotteskomplex [Richter 1979], indem Rationalisierungen theologischer und psychoanalytischer  Provenienz unterlaufen werden. Von Johannes vom Kreuz ausgehend und mit Benkers Hilfe,  gelangt die Leserin oder der Leser so auf ureigenes jungianisches Terrain, nämlich zum  Schatten des Selbst, zu den dunklen Aspekten die sich auftun, wenn die Ich-Selbst-Achse und  das ‘Integrierenwollen’ des Ich-Komplexes konstelliert sind [vgl. O’Kane 1990].  Die Liebesmystik des Johannes vom Kreuz wirkt einerseits realistisch, auch auf moderne Leserinnen und Leser. Andererseits sind die schwärmerischen, oft überschwenglichen  Verse nicht nur ein grosses Beispiel der spanischen Literatur des siglo de oro, angesichts  dessen jede Übersetzung blass erscheinen muss. Hinter ihnen verbirgt sich auch eine Verlieb-  theit, die durch Begriffe wie "mystische Vereinigung mit Gott" nur unvollkommen umschrieben werden kann und weder in analytisch-psychologische noch in theologische Erklärungen  auflösbar ist. Der Leser des folgenden Beitrags ahnt hinter all dem die Abgründe einer Biographie, die Stürme des Individuationsprozesses. Vor allem aber wird er spüren, dass er es mit  einem grossen Dichter und Mystiker zu tun hat, dessen Schriften auch heute, nach vier Jahrhunderten, ihre Frische und Schönheit bewahrt haben. Der Autor beschränkt sich darauf,  Jungs zahlreiche Bezugnahmen auf Johannes vom Kreuz nicht nur in den Kontext der Analytischen Psychologie zu stellen, sondern aufzuzeigen, wie jungianisches Denken für das Ver-  ständnis des spanischen Mystikers fruchtbar gemacht werden kann. Eine Eins-zu-eins Übersetzung zwischen mystischer Erfahrungsliteratur und analytischer Sprache versucht er  nicht zu recht.  



 

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