„Mit den Augen Gottes sehen und mit dem Herzen Gottes lieben“ Kontemplation – das Herz karmelitanischer Spiritualität

Author(s)/Editor(s): 
Günter Benker O.Carm.
Sources: 
www.ocarm.org

„Man sieht nur, was man weiß" – mit diesem Slogan warb ein renommierter Verlag für Reiseli-teratur über längere Zeit hinweg für seine Publikationen. Dieser Werbespruch will natürlich zu-nächst einmal nur die Erfahrung zum Ausdruck bringen, dass wir im Urlaub an Sehenswürdig-keiten achtlos vorbeigehen bzw. deren Bedeutsamkeit gar nicht richtig erfassen können, wenn wir nicht darauf aufmerksam gemacht werden. „Man sieht nur, was man weiß" – dieser Spruch kann uns darüber hinaus auf die grundsätzliche Einsicht stoßen, dass unsere menschliche Wahr-nehmung auf erschließende und deutende Vorgaben angewiesen ist. Dies einzusehen ist eine wichtige Voraussetzung für ein umfassendes Verständnis von „Kontemplation", die, wie ich in diesem Beitrag zeigen möchte, ganz entscheidend zu tun hat mit unserer Seh- und Erkenntnisfä-higkeit im Hinblick auf die Wirklichkeit Gottes und die eigentliche Wirklichkeit unseres Da-seins. Die Kontemplation sprengt dabei all unsere menschlichen Deutungsmuster, die uns schnell auf bestimmte Perspektiven einseitig festlegen, so dass wir für die alle Kategorien übersteigende Wirklichkeit Gottes und damit auch für die Tiefenschichten unseres Lebens blind werden


Auch aus wissenschaftlicher Perspektive erfahren wir beispielsweise von der modernen neurobi-ologischen und neuropsychologischen Hirnforschung, dass menschliche Wahrnehmungsprozesse wenig objektiv sind. Menschen können nicht einfach etwas „an sich" wahrnehmen, um dann das Wahrgenommene nachträglich deutend zu verstehen, sondern vielmehr verhält es sich umge-kehrt: das Vorhandensein von Deutungsmustern und damit die Möglichkeit zur Deutung ist die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt erst etwas sehen und erkennen können: „Verkürzt ge-sagt, ist das für einen Menschen wahrnehmbar, wofür er Denk-, Vorstellungs- und Glaubensmus-ter ausgebildet hat, und was er entsprechend seinen Überzeugungen für möglich und wahrschein-lich hält."


Seit dieser „Vertreibung aus dem Paradies" der unbewussten Ganzheit ist der sterbliche Mensch auf der Suche nach seiner verlorenen Heimat: die Wiedergewinnung der Ganzheit auf einer neuen Stufe des Bewusstseins, die nur in der Vereini-gung der Gegensätze durch die Kraft der Liebe erreicht werden kann.3 ....


 

DownloadSize
Kontemplation.pdf470.25 KB